Georg entdeckt die Geheimnisse der Natur

 

Georg der Gartenzwerg liegt im grünen Gras am Rücken, ganz behaglich und sieht in den Himmel. Es ist noch früher Herbst, die Blätter an den Bäumen rundherum haben tolle kräftige Farben bekommen, deren Schönheit durch die milde Herbstsonne besonders hervorgehoben wird.

Georg staunt über das rote, gelbe und braune Laub und genießt den lauwarmen Wind der ihm gerade übers Gesicht streicht.

 

„Schön ist es“, seufzt er tief befriedigt, doch dann plötzlich hat er einen Gedanken der ihn nicht wieder los lässt. „Ich habe das Gefühl, dass ich etwas ganz, ganz wichtiges vergessen habe. Ich kann mich einfach nicht mehr erinnern daran was.“

Ein Blatt löst sich in diesem Moment ganz oben in der Baumspitze von seinem Ast und segelt vom Winde getragen, sich um die eigene Achse drehend, im gleichbleibenden Tempo zur Erde.

„Ruhig, lustig, frei“, denkt Georg.

 

Und plötzlich erreicht ihn ein genialer Gedankenblitz!

„Herrje, was bin ich doch albern. Ich weiß es  wieder. Ich habe eine sehr lange Zeit nun schon vergessen, dass ich die Sprache der Natur sprechen kann.“

 

„Hallo hübsches Blättchen, wie war deine Reise?“

Das soeben ganz nah bei Georg gelandete Blättchen spricht etwas außer Atem mit freudiger Stimme: „Lieber Georg, seit dem Tag an dem ich auf meinem Ästchen geboren wurde, habe ich mir diesen Moment immer so herrlich ausgemalen, dass ich es gar nicht erwarten konnte, endlich zu fliegen. Es ist genauso, wie ich es mir immer erträumt habe.“

Georg nickt mitfühlend und fragt neugierig weiter: „Und nun, was kommt jetzt?“

„Jetzt werde ich meine Teile langsam auflösen und wieder zu Erde werden für meine Mutter Baum. Das ist doch klar!“

Georg ist entsetzt, „Tut das weh?“

„Oh nein gar nicht, mein lieber Georg, es ist wieder eine aufregende Sache. Ich habe meine Spannung, die ich zum Wachsen brauchte langsam losgelassen und seither, habe ich das Gefühl, immer größer zu werden. Meine Farbe ändert sich und langsam zerfließt mein Blattkleid, wobei ich innerlich ständig wachse und eins werde mit der Erde, der Luft und den Wesen überall.“

„Wow“, sagt Georg, „das ist unglaublich phantastisch, du bist ein sehr kluges Blatt und ich danke dir herzlichst für deine tolle Geschichte. Ich wünsche dir alles Liebe für deine Weiterreise.“

 

„Gott sei Dank“, freut sich Georg, „habe ich mich rechtzeitig erinnert. Was ist doch das Leben spannend!“

 

„Knirsch, knirsch“ gleich unter seiner rechten Hand bohrt sich ein Regenwurm aus der Erde.

„Hallo Würmchen, das ist wohl eine einsame Plackerei die Erde zu lockern, oder?“

„Plackerei? Keineswegs, Georg Gartenzwerg! Ich krieche durch die wundervoll duftige, würzige Erde und ganz nach meinem momentanen Sinne setze ich meine Straßen.

Einsam? Überhaupt nicht. Es ist hier unten allerhand Käferleinverkehr und mein bester Freund der Maulwurf lädt mich gerne zu einer Tasse Tee ein.“

Georg lacht bei der Vorstellung der Regenwurm schlürft aus seiner winzigen Teetasse. Hihi,..

Doch dann besinnt er sich sogleich. „Danke für deine freundliche Antwort lieber Wurm, ich wünsche dir eine gute Weiterreise und bitte grüß mir den Maulwurf beim Tee.“

„Mach ich“ und knirsch, das Würmchen ist wieder in der Erde verschwunden.

 

„Gott sei Dank“, freut sich Georg ein weiteres Mal, „dass ich mich erinnere“ und lächelt glücklich in den Himmel.

Sein Blick trifft den Baum, der neben ihm steht. Er betrachtet ihn lange und bewundert dabei die Äste, wie sie scheinbar unregelmäßig in den Himmel hineingreifen.

 

„Jawohl“, meldet sich die alte, brüchige doch lustige Stimme des Baumes. „Du hast recht meine Äste greifen in den Himmel, weil ich die ganze Zeit mit der Luft Flüstergespräche führe und dabei verzweigen sich die Ästlein ganz von selbst.“

Georg spricht erstaunt: „Na sowas, du bist sehr klug, was ich heute alles lerne!“

Der Baum fragt Georg: „Sag, hast du schon mal einen Baum von unten gesehen?“

Georg schüttelt den Kopf: „Leider nein, wie sieht denn das aus?“

„Da auch meine Wurzeln ununterbrochen wichtige Gespräche mit der Erde führen, finden sie ganz von alleine den richtigen Platz für ihr Wachstum unterhalb der Erde.“

Der Baum spricht nun mit feierlicher Stimme: „Du wirst es nicht glauben, aber ich sehe unterhalb der Erde  genauso aus wie oberhalb.“

„Das ist ja unglaublich, was für ein Wunder du bist, lieber Baum. Ich danke dir für deine Geschichte und“ … nach einer kleinen Nachdenkpause fügt Georg mit verschmitztem Lächeln hinzu.

„Und sollte dir irgendwann einmal ein kleiner Regenwurm über eine deiner vielen Wurzeln laufen, bitte ich dich, lade ihn zum Tee ein.“